Pfarramt Waldbrunn-Lahr 06479/325

Ein hoffnungsloser Fall?                

Der Baum ist eine Zumutung.

Seit drei Jahren schon geht der Besitzer hinaus und schaut nach den Früchten. Immer das gleiche: Nichts.

Auch diesmal: Keine einzige Frucht. Das ist bitter. Das ist enttäuschend. Einmal ist Schluss.

Der Baum ist ein hoffnungsloser Fall.

Die sauberste und wirtschaftlichste Lösung: Umhauen! Doch der tödliche Schlag findet nicht statt.

„Hau ihn um“, wird zwar gesagt, aber nicht getan.

Wie kommt es?

Da ist der Weingärtner. Der macht sich für den Feigenbaum stark. Er kämpft für ihn.

Obwohl der schon seit drei Jahren nichts bringt und nur den Boden auslaugt, legt er Fürsprache für ihn ein.

Er bittet um eine Gnadenfrist für den Baum: „Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen. Ich will den Boden um ihn aufgraben, die Erde lockern und noch einmal kräftig düngen. Vielleicht trägt er doch noch Frucht.“

Eigentlich hätte er ja die Axt verdient, der unfruchtbare Feigenbaum. Doch die Axt schlägt nicht zu, weil da einer ist, der für den Baum eintritt.

Einer, der den Baum noch nicht abgeschrieben hat. Einer, der noch Hoffnung hat, trotz aller enttäuschenden Erfahrungen.

Und ganz persönlich will er sich noch einmal um den Baum mühen, sich einsetzen, ihm viel Gutes zukommen lassen, damit er vielleicht doch noch die gesuchten Früchte bringt.

Mir es kommt vor, als ob der Baum hat einen Freund gefunden, der sich schützend vor ihn stellt, einen Verbündeten, der ihm noch etwas zutraut.

Mir ist, als sei der Gärtner in den Baum verliebt. Sein Herz hängt an ihm.

Im Weinberggärtner dürfen wir Jesus selbst erkennen. Jesus zeichnet in diesem Gleichnis sozusagen ein Selbstportrait.

Mir sagt das: Jesus hat Hoffnung für mich, auch wenn meine Früchtebilanz alles andere als berauschend ist.

Jesus hat Hoffnung für mich, auch wenn ich mich manchmal so wenig umkehrbereit und veränderungsfähig erlebe.

Jesus schreibt mich nicht ab. Er gibt mich nicht auf.

Er ist der, der die Neunundneunzig im Stall zurücklässt und dem einen Verlorenen nachgeht.

Er ist der, der das geknickte Rohr nicht bricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht.

Er ist der Heiland der Armen, der Freund der Sünder.

Er tritt bei Gott für uns ein.

Christus hat uns geliebt und sich für uns hingegeben. Seine ausgespannten Arme am Kreuz sind Zeichen seiner Liebe. Sein durchbohrtes Herz ist Zeichen seiner Liebe.

Wo Menschen sagen: verloren, da sagt er: gefunden! Wo Menschen sagen: gerichtet, da sagt er: gerettet! Wo alle nein sagen, sagt er: ja!

Auch wenn ich in mancher Hinsicht dem unfruchtbaren Feigenbaum gleiche, auch wenn ich vielleicht gar nicht viel Gutes an mir finde und manchmal denke:

 „Wer bin ich schon? Was taug ich schon? Was habe ich schon zu bieten?“

Ich brauche nicht zu resignieren und schon gar nicht zu verzweifeln.

Es gibt einen, der zu mir hält, der mich nicht fallen lässt, der für mich eintritt und der mir immer noch Umkehr und Früchte zutraut.

Allerdings, es braucht auch meine Offenheit, meine Bereitschaft, meinen Willen zum Guten.

Es braucht mein Mittun.

Der Feigenbaum hat noch ein Jahr bekommen, eine Bewährungsprobe, eine Gnadenfrist.

Ob er dem Gärtner sein Wohlwollen, seine Fürsprache, seine Zuwendung und seine Mühen gedankt hat?

Ob er schließlich Früchte gebracht hat?

Wir wissen es nicht.

Das Gleichnis hat einen offenen Schluss.

Wir sind gefragt, Sie und ich!

Gott schenkt uns diese Gnadenzeit zu unserem Heil. Nutzen wir sie! Richten wir den Blick nach vorne! Und trauen wir uns Früchte zu!

Gott tut es auch. Und vergessen wir nicht:

Jeder Tag, den Gott uns schenkt, ist ein neuer Anfang!

Text: Markus Bendel Bildquelle: Pfarrbriefservice

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